Kastelle, Burgen, Forts, Festungen

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Kastelle, Burgen, Forts, Festungen

Beitragvon burgkim » Freitag, 21. August 2015, 23:48:19

Hallo, Gottfried, hallo, Ingo,

Ihr habt beide Recht, was die Scharten betrifft. aber hier muss man aus fortifikatorischen GrĂŒnden Unterscheiden, um was fĂŒr Scharten es sich handelt. Bei Nahbereichswaffen (bis ca. 100 Meter) wurden meist die Scharten nach außen verkleinert um dem SchĂŒtzen einen besseren Schutz zu geben. Bei Waffenwirkungen jenseits der 100 Meter wurden eher die Scharten von innen nach außen vergrĂ¶ĂŸert, um mit einer Scharte ein grĂ¶ĂŸeres Zielgebiet abzudecken. Diese Scharten wurden aber erst im spĂ€ten Mittelalter gebrĂ€uchlich, als die Feuerwaffen verstĂ€rkt Einzug hielten (ab Beginn 15. Jahrhundert), wĂ€hrend die Scharten fĂŒr Bogenwaffen (... auch die Armbrust) schon zu den KreuzzĂŒgen Ende des 11. Jahrhundert auftauchen, sich aber erst Ende des 12. Jahrhunderts, bzw. Anfang des 13 Jahrhunderts in Mitteleuropa im Burgenbau anfangen Durchzusetzen

Die abgebildeten Scharten vom Modell von Gottfried fallen aber weder in die Gruppe der fortifikatorischen Scharten, sondern entsprechen mehr den Zinnen samt Zierscharten die im SpĂ€tmittelalter, bzw. der frĂŒhen Neuzeit im Schlossbau verwendet wurden. Hier galten die Scharten nur noch als reines Symbol fĂŒr Wehrhaftigkeit und MachtprĂ€senz und hatten keine funktionale Wirkung mehr. Zinnen mit oder ohne Scharten sind zu reinen Symbolen geworden, die auch heute noch dem Laien und frĂŒher dem einfachen Volk den Eindruck von Wehrhaftigkeit und damit Macht demonstrieren sollten.

FĂŒr weitere Fragen zu dem Thema stehe ich, als gelernter Castelloge (Lehre vom sakralen und profanen Wehrbau des Mittealters), gerne zur VerfĂŒgung.
... liebe GrĂŒĂŸe von der Alb

Thomas
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Re: ÖBB Anlage

Beitragvon Atlanta » Samstag, 22. August 2015, 10:53:45

Servus Thomas,

darf ich da noch einmal etwas nachhaken?
Im Schiffahrtsmuseum Mainz und in einer Ausstellung in der Saalburg am Limes konnte ich halbautomatisierte ArmbrĂŒste als Festungswaffen sehen bei der ein LadeschĂŒtze Pfeile ins Magazin einlegte und der RichtschĂŒtze stĂ€ndig die Spannvorrichtung der Armbrust bediente, die ĂŒber die Spannmechanik auch den gespannten Bogen auslöste so daß der Pfeilschlitten nach vorne schnellte und den Pfeil in der Landschaft verteilte, danach wurde mit der Spannvorrichtungung der Schlitten nach hinten gezogen und ein weiterer Pfeil rutschte in die Abschußvorrichtung. Waffentechnik aus dem 2. Jahrhundert nach Christi Geburt. Wie sahen da die Zinnen oder Schießscharten auf den Kastellen aus? Die Saalburg gilt hierbei nicht als Maßstab, man orienierte sich an mittelalterlichen Burgen als die Saalburg um 1900 errichtet wurde.
Schönen Gruß,
Ingo
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Re: ÖBB Anlage

Beitragvon burgkim » Sonntag, 23. August 2015, 21:29:52

Hallo, Ingo,

Sorry, dass ich mich erst jetzt melde, aber ich war bis eben auf dem Fremo-Treffen in Krumbach.

Römische Kastelle hatten keine bestimmte Regel fĂŒr ihre Scharten, bzw. Zinnen. Problem bei vielen römischen Anlagen ist, dass sie immer heute das zeigen, was sich im Laufe der Zeit ergeben hat, entwickelt oder geplant wurde; quasi ein Konglomerat aus vielen Epochen.

Unsere Vorfahren waren nicht dumm, wenn es darum ging einen anderen zu "meucheln". Aber diese von Dir beschriebenen Waffen waren auch mehr Einzelwaffen, die bewusst auf erhöhten Standorten verteilt wurden um die Reichweite, als auch die ZielflÀchen zu maximieren. Auch hier gab es alle möglichen Formen und Arten, wie die Deckung auf solchen Anlagen aussah. (Meist Schiffe und eher selten auf baulichen Anlagen, wie Kastelle oder Festungen.

Aber - und das große "Aber" kommt jetzt - die römische Armee kann man nicht mit Burgen vergleichen. Die Römer kĂ€mpften in der Regel meist in offener Feldschlacht (offensive Taktik), die sie dann aufgrund ihrer beherrschenden Taktik samt Ausbildung auch gewannen. Diese "High-Tech-Maschinen" der damaligen Zeit sind aber eher als Weitschusswaffen zu verstehen, was dem SelbstverstĂ€ndnis der Römer entsprach. Sie wollten die Schlachtfelder, als auch die Taktik möglichst selbst entscheiden und sich möglichst kein Gefecht aufzwingen lassen. Sie bestimmten die Schlacht (... und damit meist auch den Sieger)!

Scharten und Zinnen sind aber typische Zeichen der Defensive; und zwar meist einer MinoritĂ€t gegen eine angreifende MajoritĂ€t. So sollte versucht werden mit baulichen Mitteln etwas mehr Chancengleichheit herzustellen. Gerade eben weil auf Burgen wehrfĂ€hige MĂ€nner nur in kleiner Zahl vorhanden waren, ist es besonders wichtig diese KĂ€mpfer gegen Angriffe von außen zu decken um ein Maximum an VerteidigungsfĂ€higkeit so lange wie möglich zu erhalten.

Erst in spĂ€terer Zeit wurden manche vorhandenen römischen Bauten quasi Wieder- oder Weiterverwendet und dann den jeweiligen BedĂŒrfnissen angepasst. So kommt es, dass römische Anlagen mittelalterliche ErgĂ€nzungen und Erweiterungen aufbieten. Mit dem Nebeneffekt, dass man manchmal nur schwer unterscheiden kann, was zu welcher Epoche gehörte und wann genutzt wurde.

Die von Dir beschriebenen Festungswaffen wurden zudem vor allem auf Schiffen als Artillerieersatz verwendet, um schon auf weitere Entfernung den Feind (Hier ist vor allem die kampfkrĂ€ftige Mannschaft gemeint) attackieren zu können. Diese Waffen wurden meist von mobilen SchildtrĂ€gern gedeckt, die mögliche Nahangreifer behindern sollten. Im Nahkampf gingen die Römer dann lieber wieder auf ihre bewĂ€hrten Kampftaktiken ĂŒber. Deshalb wurden solche stationĂ€ren Waffen - wie schon oben beschrieben - möglichst auf erhöhten Plattformen aufgestellt und nur von wenigen Zinnen mit weiten Öffnungen gedeckt. Hier war das freie Schussfeld wichtiger als eine mögliche Deckung. Damit waren diese Waffen bei den Römern eher Offensivwaffen.

Ich hoffe damit Deine Frage ausreichend beantwortet zu haben. Ansonsten sollten wir diese Diskussion eher woanders weiterfĂŒhren und nicht Gottfrieds Thread okkupieren.
... liebe GrĂŒĂŸe von der Alb

Thomas
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Re: Kastelle, Burgen, Forts, Festungen

Beitragvon Atlanta » Montag, 24. August 2015, 00:45:00

Servus Thomas, Gottfried und Kollegen,

ich habe dieses Thema von Gottfrieds Anlagenthema abgetrennt, es kann hier weitergefĂŒhrt werden.

BezĂŒglich der römischen Kastelle, diese waren an den Außengrenzen auch nicht als Belagerungsburgen zu verstehen, sondern als Truppenlager im rĂŒckwĂ€rtigen Grenzverlauf, Auseinandersetzungen und Streitigkeiten wurden dann vor der Grenzbefestigung ausgefĂŒhrt.

Von den Steinschleudern und ArmbrĂŒsten gab es laut der Ausgrabungen, auch fĂŒr kleine Kampfgruppen solche Artilleriewaffen.

Besonders Effizient waren wohl die kleinen Landungs- und Naschubboote mit sechs bis zwölf Mann Besatzung, die als amphibische Phalanxtruppen eingesetzt wurden. Einzeln schwach, in kleinen Gruppen sehr stark. Sie sorgten zwar fĂŒr Nachschub, konnten aber auch als Angriffstrupp eingesetzt werden, heutzutage wĂ€re es Marine-Infanterie?

was die Römer so entwickelten ist teilweise beeindruckend aber auch erschreckend.

WĂ€hrend meiner Schulzeit in den 1980er Jahren beschĂ€ftigten wir uns im Lateinunterricht auch mit alt-römischer Mathematik, naja was man damals so fĂŒt das hielt, denn wenn man die Zahlenschreibregeln beachtet gab es wohl keine grĂ¶ĂŸere Zahlen als etwa 3888? So verwunderte es mich umsomehr als ich im Schiffahrtsmuseum Mainz Zahlenzeichen fĂŒr 5000, 10.000 und weiter im metrischen System vorfand, womit die Magazinbuchhalter ihre Bestandslisten fĂŒhrten und der PrĂ€fekt die Steuergelder ermittelte.
So gab es auch diverse weiterfĂŒhrende Zahlenzeichen?
Schönen Gruß,
Ingo
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